Eigentlich wäre der Post für den 5.8. fällig gewesen, aber ich hab's mal wieder verpeilt.
Mit Daten bin ich nicht so gut.
Vor drei Jahren, an eben diesem Tag habe ich eine liebe Freundin verloren.
Ich schrieb daraufhin einen Nachruf, der, zu lang für eine Zeitung, nur auf einer Internetseite zu finden war.
Nämlich auf rohality.
Ich wollte einen neuen schreiben, habe aber gemerkt, dass es nicht besser wird als vor drei Jahren.
Nun kann ich nur demütigst um euer "Gehör" bitten, denn endlich habe ich die Möglichkeit den Text auf meiner eigenen Seite zu veröffentlichen, da wo er hingehört. "Möchten sie unser Prinz sein?"
Das waren die ersten Worte die Andrea Bukow an unserem gemeinsamen Arbeitsplatz an mich richtete.
Natürlich wusste ich damit überhaupt nichts anzufangen. Dann eröffnete mir die ca. 45 Jährige mit den kurzen Platinblonden Haaren (inklusive einer lustigen langen Strähne, die über das linke Auge fiel), dass sie einen Prinzen für eine Theater und Musical Gruppe (Assenheim, wenn das jemand kennt) suchen würde und ob ich denn keine Lust hätte.
"Ich muss singen?" wollte ich wissen.
"Ja."
"Dann laufen euch alle weg!"
Somit war der erste Schritt auf dem Weg in eine äußerst ungewöhnliche Freundschaft getan.
Andrea hat einen Mann und drei Kinder, alles Söhne. DerJüngste ist 14, der Älteste 25.
Jetzt fragt ihr euch sicherlich, warum ich das erzähle.
Andrea ist am Montag dem 04.08. 2003 gestorben.
Kein Unfall, keine Gewalt.
Magenkrebs.
Wer mehr wissen möchte, der mag weiterlesen, denn ich würde gerne noch ein wenig über sie berichten. Erzählen wer meine Freundin Andrea, die weise Frau war... für mich war.
Einige kurze magische, im Rückblick oft traurige Momente:
Man stelle sich einen brechend vollen, Irish Pub vor (in diesem speziellen Fall: das unsägliche Green Island in Bad Nauheim). Viel Holz, viele Kleeblätter und eine Fensterfront mit grünen Metallrahmen.
Im hinteren Teil eine recht große Frau mit oben beschriebener Frisur in Abendgarderobe und einem Mikro. Als Begleitung ein Akustik-Gitarrist.
Sie arbeiten ihre bekannte Setlist ab bis zur Zugabe.
Mit dieser überrascht sie dann alle, vor allem mich.
Herbert Grönemeyers "Halt mich". Unglaublich.
Mit großen Augen, wie ein kleiner Junge vorm Weihnachtsbaum saß ich da... Ich war nicht der einzige der so da saß.
Sie war diejenige die mich damals meiner (jetzt Ex-)Freundin vorstellte. In einem Friedberger Café sagte ich ihr, dass wir zusammen nach Hanau ziehen würden.
Andrea freute sich und erzählte mir begeistert von ihren ersten Erfahrungen mit dem Zusammenziehen, die allerdings schon etwas angestaubt waren.
Als wir uns verabschiedeten drehte sich sich noch einmal um und sagte:
"Weißt du, ich hatte gehofft wir zwei hätten mehr Zeit." , dann stieg sie in ihren alten Mercedes.
Viel Zeit hatten wir nicht mehr.
Dann kamen die OP's. Magenkrebs hieß es. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutet und habe mich (mit Halbwissen aus dem Internet) schlau gemacht.
Auf eine OP folgte die nächste und es hieß, sie dürfe keine Besucher empfangen. Doch irgendwann wurde das Verbot aufgehoben und ich sammelte all meinen Mut, mich der Krankenhaus Atmosphäre auszusetzen.
Im Bus, mit einem Strauß Blumen in der Hand übelegte ich, wie ich reagieren sollte, wenn sie mit Schläuchen übersät oder ähnlich malträtiert ans Bett gefesselt vor mir läge.
Ich kam zu dem Schluss, dass egal welches Bild sich mir bieten mochte, lächeln das Beste sei.
Ich wollte wie immer meine kleinen Witze reißen und ihr die Texte die ich während ihrem Krankenhausaufenthalt geschrieben hatte zum lesen geben.
An der Tür zu ihrem Zimmer machte ich mich aufs schlimmste gefasst und trat zögerlich ein.
Sie sah gut aus.
Ich musste mir also keine Mühe geben irgendwelche Kabel oder Schläuche zu ignorieren.
Wir plauderten eine Stunde und die Zeit verflog als seien die Minuten nur Sekunden.
Als es Zeit war zu gehen, stand ich auf, umarmte sie in ihrem Bett und versprach anzurufen.
An der Tür sagte ich noch einmal die berühmte Floskel auf:
"Hey... Alles wird gut!"
Ihre Augen leuchteten als sie antwortete: "ICH weiß!"
Nach einer weiteren Reha wurde sie als geheilt entlassen und wir trafen uns wieder in dem Café. Sie hatte abgenommen und trug einen kleinen, dunklen Strohhut, da die Chemotherapie und die Bestrahlung ihre Spuren hinterlassen hatten.
Doch all das war sofort vergessen als sie mir von IHRER Welt erzählte. Will meinen: Wie sie die Dinge sieht, die Welt erlebt und wahrnimmt.
Das war der Moment wo sie mir erzählte, dass es erst zwei krebsbedingt Magenamputierte Menschen in Deutschlang gäbe. Der erste läge im Sterben, der zweite sei sie.
Und mit dem Sterben hätte sie es nicht so eilig.
Was sie allerdings bemängelte war, dass es keinerlei Ratgeber oder Ähnliches gäbe, wie man denn nun ohne einen Magen leben könne.
Sie schlug mir vor ein Buch zu schreiben. Sie wollte die Fakten beisteuern und ich solle die ganze Sache in eine interessante und leicht verdauliche Form bringen.
Wir saßen den ganzen Nachmittag unter einem Baum auf einer Wiese in Friedberg und ich machte Notizen für ein Buch das nie erscheinen würde.
Ich greife mal vor: Die Tatsache, dass ich das Buch nicht schreibe erfüllt diejenigen denen ich davon erzählt habe meistens mit Entrüstung. "Das kannste doch nicht machen!" oder "Das biste ihr schuldig!" sind die häufigsten Ausrufe. Vielleicht denkt der eine oder andere von euch genauso.
Deswegen hier meine Antwort:
Ich habe sie in einem der letzten Telefonate gefragt ob sie möchte, dass ich das Buch zu schreiben versuche.
Sie sagte:
"Nein, ich will nicht Schuld an einem traurigen Buch sein und auch nicht als Magenkrebspatient NR. 2 in Erinnerung bleiben. Ich bin Andrea... das reicht finde ich."
Dann bekam ich einen Anruf. Meine Exfreundin, war am anderen Ende der Leitung und sagte mit zitternder Stimme:
"Die Andrea liegt im Krankenhaus und es geht ihr wirklich schlecht. Geh mal hin, ist vielleicht die letzte Möglichkeit."
Dann legten wir auf, es gab keinen Smalltalk mehr auszutauschen.
Ich saß noch zehn Minuten an meinem Schreibtisch und starrte auf das gegenüberliegende Hausdach.
Dann suchte ich die Nummer von dem Krankenhaus in dem sie lag.
Drei Tage später saß ich wieder in einem Bus. Diesmal nicht mit einem Strauß Blumen.
Ich war einzig und allein mit einer tiefroten Rose bewaffnet.
Im Schwesternzimmer fragte ich nach dem Zimmer in dem meine Freundin untergebracht sei und nach einer kleinen Vase.
Es dauerte zwanzig Minuten, dann wurde ich vorgelassen.
Ein Einzelbett-Zimmer, ein großes Fenster mit Blick auf den Wald und eine unglaubliche Menge an Blumen. Dieses Bild bot sich mir.
Andrea lag auf ihrem Bett, eingepackt in einen flauschigen Schlafanzug begrüßte sie mich.
Ein Lächeln huschte über die eingefallenen Wangen und die Augen blitzten kurz auf hinter ihrer Brille, die nun viel zu groß wirkte.
"DU bist da." sagte sie leise.
Ich nickte, mehr war in diesem Moment nicht drinn.
Es wurde noch ein wenig lockerer.
Sie erzählte mir von den Baumwipfeln in denen sie bei leichtem Wind und ein wenig Konzentration Gesichter sehen könne. (Es funktioniert, ich hab's auch probiert)
Dann wollte sie wissen, was mein Vampir Roman denn mache mit dem ich doch schon halb fertig sei.
"Der liegt auf Eis." sagte ich. "Ich arbeite an etwas größerem, ganz tollem, das aber zu lange dauern würde es zu erklären."
"Was ist, wenn ich's wissen will?" fragte sie.
"Dann erzähl ichs Dir."
Sie nickte und ich erzählte ihr alles von der neuen Story. Alle Geheimnisse, alle Storylines Charaktere und Wendungen der Geschichte wollte sie erfahren.
Als ich geendet hatte, lächelte sie.
"Das machst du aber fertig, oder?"
Ich nickte.
"Versprichs mir, das und die Vampirgeschichte."
Ich versprach es.
Wiedermal war es an der Zeit zu gehen.
Sie kam noch einmal auf die Geschichten zu sprechen und schien noch etwas anderes loswerden zu wollen.
"Hör zu, du musst tun was du am besten kannst mit der dir gegebenen Zeit. Du weißt nie wann sie abläuft."
Ich verabschiedete mich, umarmte sie und ging.
Draußen stand ich noch beinahe eine Minute mit der Türklinke in der Hand.
Ich konnte nicht loslassen.
Kurz darauf wurde sie von ihrer Familie nach Hause geholt. Andrea wollte nicht in einem Krankenhaus ihren letzten Weg antreten.
Als sie zu Hause war, rief ich sie an.
Sie war guter Dinge und fühlte sich eigentlich pudelwohl. Das lag aber an der Morphiumdosis die zu diesem Zeitpunkt schon sehr hoch war.
Die Familie umsorgte sie und sie hatte jeden Tag, an dem sie sich gut fühlte, Besuch.
Wir sprachen darüber, wie es die Familie aufnehmen würde und wie sie reagieren.
"Die sind klasse, gaaaaaanz lieb. Alle meine Männer." lachte sie.
Sie merkte, dass ich noch etwas auf dem Herzen hatte und fragte danach.
Nach einigem herumdrucksen rückte ich dann mit der Sprache heraus. (Auch, wenn es mir unglaublich egoistisch vorkam)
"Ich hab' noch so viele Fragen an die weise Frau, was soll ich machen, denn im Moment fallen sie mir nicht ein."
Dann lachte sie wieder.
"Wenn sie dir einfallen, dann schreib sie auf. Ich finde schon einen Weg sie dir zu beantworten."
...Das werde ich tun, versprochen.
Dies war das erste Telefonat nach ihrer Entlassung. Wir sollten noch zweimal telefonieren.
Das zweite mal musste ich sechsmal anrufen, bis sie Zeit für mich hatte.
Andrea entschuldigte sich, dass sie mich so oft abwimmeln musste.
Daraufhin versuchte ich ihr zu erklären, dass ich verstünde, dass Familie und Verwandschaft wichtiger sei.
Dabei blieb es dann. Wir plauderten noch einen Moment und versprachen einander wieder zu telefonieren.
Eine Woche verging, bis sich Andrea meldete.
"Ich hab lange über das nachgedacht, was du gesagt hast, dass Familie wichtiger sei und so weiter."
Wieder versuchte ich ihr zu erklären, dass ich das auch so empfinde.
Nach einer Weile wurde das Gespräch entspannter und wir lachten sogar ein paar mal.
Wieder war es Zeit zum auflegen.
Nach dem obligatorischen Abschied räsuperte sie sich noch einmal.
"Ja?" fragte ich.
"Du BIST wichtig!"
Dann legten wir auf.
Das waren ihre letzten Worte für mich.
Jetzt ist sie nicht mehr da und sie fehlt mir.
All diese Momente, so seltsam sie auch anmuten mögen, entsprechen der Wahrheit und unterstreichen nur, wie einzigartig dieser Mensch war.
Es waren nur leuchtende kleine Augenblicke, herausgepickt aus einem wundervollen Ganzen.
Bevor dieser ganze Nachruf ausufert, verabschiede ich mich.
Ich möchte mich, hier mehr denn je, für eure Zeit bedanken.