Dank der gestrigen Abfallaktion musste ich ja (mit dem einen und dem anderen lieben Helferlein) nochmal in meine alte Wohnung, oder zumindest in den Keller des Hauses.
Da gingen mir, nachdem ich später zu Hause war, meine ehemaligen Wohnsituationen durch den Kopf.
Und von einer möchte ich kurz berichten, denn die ist eigentlich was besonderes (Für die Herrschaften die keine langen Posts mögen: Ich hab so das dumpfe Gefühl, dass dies hier so einer wird, also gebt mir einfach die 5 Minuten. Ich denke, hoffe, es wird sich lohnen).
Es war vor etwa zehn Jahren in einer Altbauwohnung in Friedberg. Die Wohnung war genau das, was ich mir gewünscht hatte: Nicht zu groß, hohe Decken und einen riesigen sprossenverglasten Erker (für die Unwissenden: Das ist sowas wie ein eingemauerter Balkon mit Fenstern).
In eben jenem Erker hatte ich meinen PC stehen und konnte beim schreiben auf die Straße gucken (1. Stock, die perfekte Höhe für sowas).
Da ich eher der Nachtmensch bin und sich Nachts die großen Gedanken eher aus ihren Verstecken locken lassen, schrieb ich dort bis spät in die Nacht. Manchmal nur mit einer Kerze und einem Glas Wein bewaffnet.
Es dauerte nicht lange, da merkte ich, dass in dem Haus gegenüber, in einer Wohnung im ersten Stock, ein älterer Mann wohnte. Er war wohl irgendwo zwischen 60 und 70 und hatte eine große Fensterfront und IMMER ein gut beleuchtetes Wohnzimmer.
Dort hingen extrem viele Ölbilder von diversen Landschaften. Meistens verregnete oder nächtliche Strände mit viel Schilf.
Diese Bilder malte er selbst.
Mit einer Leidenschaft, um die ich ihn noch heute beneide, ging er jeden Abend bis in die Morgenstunden zu werke.
...und schielte seinerseits manchmal herüber.
Ganz selten trafen sich unsere Blicke. Dann tat man so, als hätte man sich nicht gesehen.
Hätte ich es heute nochmal zu tun, ich prostete ihm zu.
Er war der Grund dafür, dass ich mich mit meinem nächtlichen Treiben nicht allein fühlte, nicht ausgeschlossen vom Leben, das seine Bahnen am Tage zieht.
Seltsamerweise habe ich ihn nie auf der Straße getroffen.
Warum malte er so spät, fragte ich mich. Warum malte er nur diese Strände?
Hat er früher am Meer gelebt und vermisst es jetzt schmerzlich? Zwingt ihn dieser Verlust allabendlich an die Staffelei und lässt der Schmerz erst nach, wenn er ein Bild mit der Essenz seiner Heimat fertiggestellt hat? Lassen seine Dämonen ihn erst dann schalfen?
Jetzt, zehn Jahre später, sitze ich an meinem nicht weniger schönen Fenster in dem riesigen alten Haus und frage mich wo er ist, der alte Maler.
Ich hoffe für ihn, dass er an einem verregneten Strand steht und auf's Meer hinausblickt und manchmal die Augen schließt, dankbar an diesem Ort sein zu dürfen, den er all die Jahre gemalt hat.
Aber egal wo er auch sein mag, ich wette er malt noch immer Bilder von nächtlichen Stränden....
So sieht's aus, Herrschaften!